Fränkische Schweiz Freiheit

Hast du dir das gut überlegt?!? – Mein Umzug aufs Land

„Hast du dir das gut überlegt?!“ Keine Frage habe ich in den letzten Wochen öfter gestellt bekommen als ich verkündet habe, dass mein Umzug aufs Land beschlossene Sache ist… der Versuch einer Antwort.

Nein, nein und nochmals nein

Nein, natürlich habe ich mir das nicht gut überlegt! Hätte ich mir es gut überlegt, dann würde ich es ja keinesfalls machen! Jedenfalls nicht, wenn man eine rein vernunftgetriebene Perspektive einnimmt. Aus einer rein vernünftigen Perspektive spricht nämlich ziemlich viel gegen das Leben auf dem Land; gegen das Dorf inbesondere. Diese Argumente lassen sich auch nicht wirklich entkräften: Deutlich weiterer Weg in die Arbeit. Angewiesenheit aufs Auto, da man dort draußen Öffentlicher Nahverkehr nicht mal buchstabieren kann. Im schlimmsten Fall eine eingeschworene Gemeinschaft in der ich trotz Wurzeln in dieser Gegend auch noch in 10 Jahren als „Zugezogene (im Zweifelsfall: Städterin!)“ gelten werde. 243 Personen im Alter von 30 bis 40. Eine sehr konkrete Vorstellung davon, was Wahlen dort bedeuten, wenn man den Zahlenraum bis 100 beherrscht. Die Highlights des Veranstaltungskalender liegen irgendwo zwischen religiösen Hochfesten und der Sportlerkerwa. Und kulinarische Debatten enden gerne in Dialogen à la „Ähm, da ist Speck im Salat?“ „Ja, scho.“ „Ich hab doch vorher gefragt, ob da Fleisch drin ist (beim Salat wohlgemerkt!)?“ „Ja, aber ohne den Speck schmeckts ja nicht.“ Vegetarierin gegen die Logik einer Fränkischen Köchin 0:1.

Die Sache mit der Sehnsucht

All diese guten Argumente ändern aber rein gar nichts an einem Umstand: der Sehnsucht. Die Sehnsucht auf dem Land zu leben und mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Abends einfach noch ein Lagerfeuer im Garten zu machen, weil einem danach ist. Schnell mal in den Wald gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Kurze Wege in die Werkstatt, um ein neues DIY-Projekt umzusetzen. Nach der Arbeit das Rad rausholen und bei Freunden oder der Familie einfach reinzuschauen. Vermutlich die Sehnsucht nach etwas Überschaubaren. Vielleicht auch nach etwas Eigenen. Ankommen. Die letzten Jahre hat sich die Sehnsucht mit all den guten Argumenten noch in Schach halten lassen. Aber jetzt? Ich bin allein und kann die Entscheidung einfach treffen ohne auf die Bedürfnisse von jemand anders Rücksicht nehmen zu müssen. Ich arbeite nur 3-4 Tage die Woche im Büro und muss nicht an 5 pendeln. Meine Wohnung hat einen Wasserschaden und ein Großbauprojekt ist angekündigt. Das wichtigste Argument aber von allen: Diese Stimme gibt einfach keine Ruhe. Die Stimme, die sagt: Los, ab aufs Land! Egal, mit welchen Fakten ich ihr versuche den Mund zu stopfen. Das Schlimmste ist sie hat sich mit dem Mut verbündet und beide sind der Ansicht: „Komm lass uns das doch mal ausprobieren, ist doch nichts dabei!“

Haben die am Ende Recht?

Ist wirklich nichts dabei? Einfach raus aus der Stadt und rein ins Land? So easy? Die Antwort lautet wohl: Irgendwie schon. Denn ja der Umzug wird mein Leben auf die ein oder andere Art komplizierter machen. Umständlicher bisweilen und vielleicht auch in den ein oder anderen Momenten einsamer. Auf der anderen Seite steht aber schlichtweg der Fakt, dass ich nicht das Gefühl habe, dass ich in der Stadt glücklicher werde. Das ich mich hier verkrieche in meiner Burg über den Dächern der Stadt, weil mir all die Möglichkeiten die der urbane Raum bietet mir nicht so wirklich viel bedeuten. Ich gehe weder gerne shoppen, noch tingle ich durch Kneipen oder besuche zeitgenössische Museen. Also schon mal, aber eher selten. Aber ich bin gerne draußen. Ich werkle gerne. Ich steh auf wandern, radfahren, fotografieren, rumbuddeln und rumbasteln. Also steckt da drin eine große Chance. Eine von der Sorte, bei der wenn ich sie nicht ergreife, mir sicher Vorhaltungen machen würde, weil ich einfach zu viel Angst hatte und einfach irgendwie weiter gemacht habe. Auch wenn ich schon längst erkannt habe, dass ich etwas ändern muss (und möchte).

Rosarote Brille – Fehlanzeige

Radtouren auf fränkische Gipfel, den Sternenhimmel beobachten und im sanften Abendlicht durch Weizenfelder streifen – sieht so meine Zukunft aus? Wohl kaum!

Der große Unterschied ist: Ich kenne das Leben auf dem Dorf nicht nur aus drei Ausgaben Landlust und Hipster-Blogs. Ich bin auf einem Dorf mit 130 Einwohner groß geworden und weiß sehr genau, warum ich zwar in die Nähe, aber nicht in den Ort zurück ziehe. Mir ist klar, dass das Leben im „Outback“ auch ganz schön scheiße sein kann. Das es gut sein kann, dass dieses kleine „Sozialexperiment“ grandios scheitern kann. Das meine Vorstellungen vom Leben ganz allgemein vielleicht nicht in ein konservatives Dorf passen. Mein Integrationswille zwar jeden grüßen einschließt und Debatten, wie man mit einander verwandt ist (ein „ob“ steht ja selten im Raum…), aber vielleicht nicht unbedingt den Eintritt in die Freiwillige Feuerwehr. Das ohne Kinder als Integrationsbotschafter es gar nicht so leicht ist Anschluss zu finden. Mir „Das macht ma halt so“- Konzept zwar wohl bekannt ist, aber ich mich ja nicht aus meinem eigenen „Macht ma halt so – leben in der Stadt“ befreit habe, um sie gegen das nächste soziale Konstrukt einzutauschen. Es wäre also schön, wenn sich noch irgendetwas finden lassen würde zwischen vereinsamte Eremetin bis überangepasste Tratschtante.

Der Umzug aufs Land – Ein Experiment

Also bleibt es einfach erstmal das, was es im Moment ist: Ein Experiment. Forschungsfragen: Wo lebe ich lieber? Wo kann ich glücklicher sein?

Vielleicht ziehe ich in einem Jahr reuemütig in die Stadt zurück. Vielleicht arbeite und lebe ich in einem Jahr auf dem Dorf und kann mir gar nicht mehr vorstellen jemals wieder woanders hinzugehen. Oder eine der 3000 anderen Möglichkeiten, die es so gibt.

Von daher gilt im Moment: Für jetzt ist es für mich die richtige Entscheidung aufs Dorf umzuziehen. Also Ja. Ja, ich habe mir das gut überlegt.

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